Beratersprech

Das Neusprech der Unternehmensberater

„Damit stretchen wir die brand identity bis zum breaking point“, spricht der Markenberater am Ende seiner Präsentation vor dem Konzernvorstand. Was er damit meint, ist vielleicht nicht allen Anwesenden klar, aber es klingt gut, wissenschaftlich, irgendwie nach einer revolutionär neuen Idee. Der Berater spricht Beratersprech – eine Art businessbezogene Neuauflage von George Orwells Neusprech.

„Die Teile der Collection miteinander combinen“

Dabei ist Beratersprech nicht nur eine Angewohnheit. Die Verwendung solcher Sprachcodes hat auf ein Gegenüber immer auch eine bestimmte Wirkung – ob dem Sprecher das in diesem Moment bewusst ist oder nicht. Die Tatsache, dass etwas nicht in Alltagssprache ausgedrückt wird, suggeriert automatisch immer, dass es gar nicht in Alltagssprache ausgedrückt werden kann und dass es sich dementsprechend um ein besonders komplexes Thema handeln muss. Sprache kann Sachverhalte eben nicht nur erklären, sondern auch verschleiern. Dass sich hauptsächlich Berater dieser Sprachcodes bedienen, mag zwar stimmen, bedeutet aber nicht, dass Beratersprech ihre Erfindung ist. Im Gegenteil stammt eines der frühesten dokumentierten Zitate im Beraterjargon von der Modeschöpferin Jil Sander, die im Jahr 1996 in einem Interview erklärte: „Mein Leben ist eine giving-story. Für den Erfolg war mein coordinated concept entscheidend, die Idee, dass man viele Teile einer collection miteinander combinen kann. Aber die audience hat das von Anfang an auch supported.“ Dabei ist Beratersprech nicht nur einer Sache der oft falsch verwendeten Anglizismen: Auch Projekte werden nicht mehr einfach umgesetzt, sondern aufgegleist, Software wird gerne nicht mehr installiert, sondern aufgespielt, Philosophien, Prozesse und neuerdings sogar Autos werden schlicht gelebt.

„Doppeldenk ist plusgut“

Als George Orwell in seinem Roman 1984 die aus politischen Gründen modifizierte Sprache „Neusprech“ entwarf, hatte er natürlich keine übereifrigen Berater im Kopf, sondern einen brutalen Überwachungsstaat, der die Alternativvariante zum „Normalsprech“ bewusst installiert und allen verordnet hat. Ziel von Orwells Neusprech ist es, die Zahl und das Bedeutungsspektrum der Wörter so zu verringern, dass die Kommunikation automatisch in kontrollierte Bahnen gelenkt wird. An Aufstand sollen die Menschen so beispielsweise gar nicht mehr denken können, weil ihnen dazu die Wörter fehlen. Im Neusprech werden unter anderem solche Wörter abgeschafft, die ein subjektives Empfinden zum Ausdruck bringen und durch scheinbar objektive Wendungen ersetzt. Aus „wunderbar“ oder „fantastisch“ wird „plusgut“ oder „doppelplusgut“, aus „schlecht“ wird „ungut“. Zusätzlich gibt es eine Vielzahl von Wortneuschöpfungen, die der im Roman herrschenden Ideologie dienlich sind. „Doppeldenk“ bezeichnet etwa die Fähigkeit, zwei Denkweisen, die sich eigentlich widersprechen, gleichzeitig als wahr zu akzeptieren, ein „Gutdenker“ ist eine Person ohne Gedanken gegen das Regime.

Verkomplizierung gegen Vereinfachung

Während Beratersprech also eigentlich simple Vorgänge durch komplexe sprachliche Wendungen kompliziert erscheinen lässt, geht es bei Neusprech eher darum, bestimmte Dinge gar nicht mehr ausdrücken zu können. Es ist dementsprechend natürlich nicht angebracht, Liebhabern von Businesssprachcodes ähnliche Ambitionen zu unterstellen wie der allmächtigen Partei in 1984. Skepsis ist dennoch auch bei Beratersprech nicht fehl am Platze. Häufig ist alles eben doch viel einfacher als gedacht. Wer das ad budget streamlinen will, möchte schlichtweg den Werbeetat kürzen, wer zuerst an die low hanging fruits will, möchte lieber den einfachen Weg gehen und wer etwas asap aufgleisen will, möchte einfach nur so schnell wie möglich alles nötige veranlassen.

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